Wenn Jürgen Meyer*, Mitte 50, Emails schreibt, verabschiedet er sich mit „Gute 24 h“ – weil trockene Alkoholiker wie er nicht wissen, ob sie morgen wieder anfangen zu trinken. Und weil es auch darum geht, ein erreichbares Ziel zu haben. Jürgen Ahlfs lebt also von Tag zu Tag, jede 24 Stunden sind ein Erfolg.

Als ich begann, bei einer großen IT-Firma zu arbeiten, gehörte Alkohol von Anfang an dazu. Die Kollegen und ich, wir alle tranken sehr, sehr viel. Unser Chef sorgte sich um uns, wenn man das so sagen kann, er kaufte Weinflaschen und Bierkästen, die er uns hinstellte. So als wolle er sagen: Trinkt, haltet durch – und macht bitte eine gute Arbeit! Oft arbeiteten wir 30 bis 40 Stunden am Stück, es gab dafür sogar Sondergenehmigungen vom Arbeitsschutz. Oft saßen wir vollbesoffen vor den Monitoren. Es gab Abteilungsleiter, die Mitarbeiter zur Tankstelle schickten, um für Nachschub zu sorgen.

Viele ITler wie ich sind Nerds: Menschen, die von einer Sache extrem fasziniert sind. Gelangen solche Nerds in große Konzerne, geht es plötzlich nicht mehr ausschließlich um die faszinierende Sache – sie müssen mit Millionensummen umgehen. Jede Minute, die nicht funktioniert, kostet Geld, sehr, sehr viel Geld. Diesen Druck – zeitlich und finanziell – auszuhalten ist wahnsinnig schwierig. Alkohol kann dabei helfen.

Nach einer Weile lernte ich, dass man in der Störungsabteilung noch mehr Geld verdienen kann – es geht um Notfälle, um die man sich kümmert, Probleme, die schnell behoben werden müssen. Noch mehr Druck, aber ich hatte ja den Alkohol. Dann stellte ich fest, dass ich mein Gehalt verdoppeln kann, wenn ich auch nachts und am Wochenende arbeite – also tat ich das. Nachts wurde ich nun öfter angerufen, was dazu führte, dass ich wenig schlief. Wenn das Telefon klingelte, musste ich aus dem Schlaf heraus Höchstleistungen vollbringen – wenn es nicht lief, das wusste ich, würde sofort das gesamte Management informiert.

Die Projekte, für die ich arbeitete, wurden größer und größer. Ich wechselte zu einem anderen Unternehmen mit einer größeren IT-Abteilung, übernahm die Leitung von zwei Projekten, bei denen es um sehr viel Geld ging. Ich, der sonst einer von vielen gewesen war, saß plötzlich mit Ministern und Geschäftsführern großer Konzerne am Tisch, die mich fragten: Läuft, oder? Es war wie ein Rausch. Plötzlich war ich wer. Der Alkohol steigerte dieses Gefühl.

Morgens wachte ich verkatert auf, nahm ein paar Beruhigungsmittel, sodass ich nicht zitterte, dann fuhr ich zur Arbeit. Im Büro musste ich nichts trinken, den Tag schaffte ich meist auch so. Doch während ich am Schreibtisch saß, dachte ich an den Feierabend, an die Stunden, in denen ich endlich wieder trinken könnte. Zuhause angekommen, trank ich. Zwei bis drei Flaschen Wein. Anfangs noch heimlich; im Keller hatte ich Flaschen gelagert. Wenn die Kinder schliefen, setzte ich mich in den Wohnzimmersessel, schaute fern, aß etwas und trank. Oft bis zum Blackout.

Sich ins Blackout zu trinken, kannte ich bereits aus meiner Jugend. Mein Vater war funktionierender Alkoholiker, er trank so viel, dass er irgendwann ein neues Herz brauchte. Meine Eltern stritten sich viel. Doch nach außen wurde der Schein gewahrt, wir sollten eine liebe, hübsche, tolle Bilderbuchfamilie sein. Als ich 16 Jahre alt war, zog ich zu meiner Großmutter. Auf Partys war ich immer der letzte, der ging. Trank so viel, dass ich mich am nächsten Tag an nichts mehr erinnern konnte. Dachte mir nichts dabei, weil es irgendwie auch cool war. Trank weiter gegen meine Ängste, die Sorgen, die Panik an, die ich mit mir herumtrug. Alkohol, so empfand ich es, war ein Universalheilmittel. Betrunken fühlte ich mich leicht, frei, ungehemmt. Wenn ich nichts trank, merkte ich, dass ich schlechter zurechtkam. Also trank ich lieber.

Dass ich im Job Migräneanfälle bekam und Sehstörungen, dass ich schlechter schlief – all diese Anzeichen, dass es meinem Körper nicht gut ging, trank ich weg. Dann konnte ich plötzlich gar nicht mehr schlafen. Also wirklich nicht mehr schlafen, über Wochen hinweg. Eines Tages brach ich schließlich zusammen, mein Körper konnte nicht mehr. Ich wurde in eine Klinik gebracht. Man diagnostizierte mir eine Depression und verschrieb mir diverse Medikamente: Antidepressiva, Tavor, ein Benzodiazepin, das Schmerzmittel Pregabalin, eine Art Booster für Tavor. In Kombination mit Alkohol sind diese Medikamente die Hölle.

In den darauffolgenden Monaten halfen mir meine Frau, Freunde und Freundinnen, vom Alkohol und den Tabletten loszukommen. Ich schaffte es, alle Medikamente – bis auf das Antidepressiva – abzusetzen. Im Job merkte ich, dass ich nicht mehr wirklich leistungsfähig war. Ich erkannte Fehler nicht mehr gut, war langsamer. Irgendwie ging es trotzdem. Das Leben war okay, mehr aber auch nicht.

Dann geschah etwas, wovor sich alle Alkoholiker fürchten: ein ungewohntes, herausforderndes, belastendes Ereignis. In meinem Fall: ein unvorstellbares Ereignis. Wir fanden heraus, dass unsere Kinder von einem engen Freund jahrelang sexuell missbraucht worden waren. Die vielen Termine bei Ärztinnen, Psychologen und Anwälten, die Termine vor Gericht, alles stand ich durch, ohne zu trinken. Dann beschlossen wir als Familie, Urlaub zu machen, runterzukommen, durchzuatmen, und als wir in dem Ferienhaus in der Toskana ankamen, stand eine Flasche Wein auf dem Tisch. Und dann passierte das, was allen Alkoholikern passieren kann. Egal, wie lange du trocken bist: Wenn du ein Glas trinkst, werden es mehr. Als wir zurück nach Deutschland fuhren, war der Kofferraum vollgepackt mit Rotweinflaschen. Zuhause angekommen, trank ich sofort wieder so viel wie zuletzt.

Meine Frau flehte mich an, aufzuhören, sank vor mir auf die Knie, weinte, schrie. Ich, der ihr versicherte, dass ich mich ändern würde. Ich ging zu Ärzten, Psychiaterinnen – und jedes Mal bekam ich ein Medikament mehr verschrieben, das ich einnehmen sollte. Sie schrieben mich krank. Zuhause trank ich nun nicht mehr heimlich. Und ich trank immer mehr. Ich erinnere mich an einen Abend, an dem ich mit meinem Schwager zusammensaß und eine Flasche Schnaps leerte – und keine Wirkung verspürte. Das Trinken führte bei mir längst nicht mehr dazu, mich zu entspannen; ich wollte einfach nur keine Entzugserscheinungen haben. Abends saß ich apathisch vor dem Computer und schaute mir ein Musikvideo in Dauerschleife an. Irgendein Song von Cat Stevens, immer und immer wieder. Ich fühlte nichts mehr.

Das Jugendamt beschloss, mich aus der Familie zu nehmen. Wieder kam ich in eine Klinik. Nachdem man dort mein Urin und das Blut untersucht hatte, hieß es: Wir können Sie so nicht behandeln. Sie müssen erstmal einen harten Entzug machen. Dann wachte ich irgendwann auf der geschlossenen Station auf. Ich hatte wohl versucht, mir das Leben zu nehmen. Daran erinnern kann ich mich nicht. Ich machte schließlich einen Entzug. Das, was da in einem passiert, lässt sich nur schwer beschreiben: Da ist die volle Angst, da sind die vollen Schmerzen. Die Verdauung funktioniert nicht mehr. Man hört nichts mehr, man hört zu viel, man sieht verschwommen, das Tageslicht blendet, man hat Sensibilisierungsschmerzen auf der Haut, die Knochen tun weh. Ich lebte weiter. Anschließend sollte ich, das war die Vorgabe der Klinik, eine Selbsthilfegruppe suchen. So landete ich bei den Anonymen Alkoholikern.

Vier Monate lang dauerte der Entzug, währenddessen ging ich regelmäßig zu den Treffen der Anonymen Alkoholikern. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, die Sucht nicht erklären zu müssen. Ich fühlte mich verstanden und aufgehoben. Den Körper vom Alkohol zu reinigen, dauert nicht lange. Die Psyche hingegen bleibt labil. Die Entzugsstation, auf der ich war, wird intern auch als Drehtür bezeichnet – die Rückfallquote bei Alkoholikern ist extrem hoch.

Wie lebe ich, ohne rückfällig zu werden?, fragte ich mich, als ich entlassen war. Und wie finde ich nun ins Arbeitsleben zurück? Ich begann, wieder zu arbeiten, wurde gekündigt, suchte mir den nächsten Job. Mit der Zeit lernte ich, mit herausfordernden Situationen umzugehen, mit Kollegen, Kritik, Konflikten. Woran ich in jener Zeit viel dachte: Dass ich nicht mehr zu dem Arschloch werden wollte, das ich früher einmal war.

Die Anonymen Alkoholiker orientieren sich an dem sogenannten Zwölf-Schritte-Programm. Es beginnt damit, sich die Sucht einzugestehen. Der achte Schritt: Alle Personen auflisten, denen man Unrecht getan und Schaden zugefügt hat, und die Bereitschaft und den Willen zur Wiedergutmachung entwickeln. Und anschließend, der neunte Schritt: Wo immer möglich, diese Personen entschädigen – außer, wenn sie oder andere dadurch verletzt würden. Im Job habe ich ziemlich viele Leute verletzt. Habe sie brutal aus dem Weg geräumt, weil ich meinen Projekterfolg in Gefahr sah, meist auch meine Karriere. Durch den Alkohol war ich überheblich, fühlte mich stärker als ich war, wurde eine Art menschlicher Bulldozer. Es gibt ehemalige Kollegen, die wegen mir den Job verloren haben und in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind. Die ihr Haus verkaufen mussten. Deren Ehe geschieden wurde. Die ihre Kinder nicht mehr regelmäßig sehen können. Zu ihnen bin ich gefahren und habe mich entschuldigt. Ich weiß, dass das nicht deren Leben verändert, aber ich will zeigen, dass ich einsichtig bin.

Zu meiner Frau und den Kindern habe ich wieder zurückgefunden. Als das jüngere Kind eines Tages zu mir kam, mich umarmte und sagte: Papa, ich hab‘ dich lieb! – das überwältigte mich. War ich nicht immer der Problemvater gewesen, der Säufer, derjenige, der es allen so schwer gemacht hatte? Inzwischen weiß ich, dass ich den schlechtesten Tag von heute nie für den schönsten von früher tauschen würde.

In meinem aktuellen Job trinken die Kollegen und Kolleginnen noch immer viel. Wenn ein Projekt erfolgreich abgeschlossen ist, wird der Champagner rausgeholt. Ich habe lange gebraucht, um zu sagen: Danke, ich trinke nicht! Und mir nicht irgendwelche Ausreden einfallen zu lassen. Neulich habe ich beim Aufräumen im Keller noch ein paar leere Weinflaschen gefunden, sie waren gut versteckt. Alkoholiker sind gute Schauspieler. Seit vier Jahren nun habe ich nichts mehr getrunken. Ich will ein gutes Leben haben.

Alkoholismus ist nicht heilbar

Man kann nur damit leben lernen

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